Die Garantie zum Trottel
"Wollen wir ein Volk von Idioten?" fragt Clifford Stoll in seiner High-Tech-Ketzerei "LogOut" und antwortet: "Dann müßte man nur den Schulunterricht mit
Videos, Computern und Multimedia-Produkten gestalten."
Eröffnung einer Computerklasse. Das ist sogar den Fernseh-Hauptnachrichten eine Minute wert: Die Ministerin ist gekommen, auch der Kanzler. Beide lächeln milde, sind
sichtlich stolz, reden von Zukunft und so. Zurück bleiben stramm aufgereihte, vernetzte Laptops, dahinter kleben nolens volens die Schüler. Super! So stellt man sich heute
das Lernen vor: Frontalunterricht mal dreißig. Als hätte sich in der Pädagogik seit hundert Jahren - wortwörtlich - nichts bewegt. Szenenwechsel: ein Vortragsraum. Der
oder die Vortragende werkt unruhig an Geräten und Tasten herum. Auf einer Projektionsfläche schießen von der Seite Sätzchen ins Bild. Sie werden laut vorgelesen, dann
zerbröseln sie. Richtig: Wir sind bei einer computerunterstützten Präsentation. Weitere Mitwirkende: Kreise und Kästchen, öde Hintergrundbilder, Pieps-Geräusche und
herumtanzende Männchen. "Rhetorik" des 21. Jahrhunderts. Die Zuschauer versuchen das Gähnen zu unterdrücken, die Handouts landen im Papierkorb.
Der Zusammenhang zwischen den beiden Situationen? Nun, die Schüler in A produzieren das, was Sie später in B über sich ergehen lassen müssen. Im Originalton: "Ich
hab' mich nicht viel um einen Vortrag geschissen, den ich vor der Klasse halten sollte. Hab' aber eine gute Note gekriegt, weil er mit PowerPoint lief." Da nimmt es nicht
wunder, daß der Ruf nach "LogOut" erschallt. Er kommt vom US-Astrophysiker Clifford Stoll, der gleich weiter im Titel zu erklären verspricht, "warum Computer nichts im
Klassenzimmer zu suchen haben", und noch "andere High-Tech-Ketzereien" ankündigt. Stoll hat selbst am Aufbau des Internet mitgewirkt, zieht jetzt aber dagegen zu
Felde, daß man sich von Computern blind die Lösung aller Probleme erwartet. Mehr noch, er sieht widersinnige Deformationen unseres Lebens und unserer Gesellschaft, denen vor allem die Jugend ungeschützt ausgeliefert ist, weil sich das Unheil
über die Schulen Eintritt verschafft. Es hat folgende Namen: Programme, die unter dem Stichwort "Lernen mit Spaß" nur triviale, mechanische Antworten einhämmern.
Computersimulationen, die physikalische Experimente auf dem Bildschirm zeigen, den Schülern aber nicht einmal vermitteln können, wie Magnete funktionieren. Die
Zwangsbeglückung von Kindern mit Laptops, die sie natürlich lieber für Spielprogramme nützen als für Trigonometrie (welche man auch viel anschaulicher auf einer
Exkursion mit einem Experten erlernt, der ein Grundstück vermißt). Auch der alte Fernlehrgang wird nicht spannender, wenn er nun - elektronisch geliftet - als "Lernen per
E-Mail" daherkommt.
Im zweiten Teil des Buchs geht es um die Auswirkungen der Elektronisierung im Alltag. Stoll kontrastiert da die großsprecherischen Ankündigungen der Technik-Hörigen
mit der Unfähigkeit der Software-Industrie, problemlos funktionierende Programme herzustellen.
Die "Tyrannei der Häßlichkeit" elektronischer Geräte sowie ihre Überfrachtung mit unnötigen Funktionen wird von Stoll beklagt. Und eben die "PowerPoint-Pest", die
sicherlich in der lutheranischen Kirche von Oxnard in Kalifornien ein denkwürdiges - wiederum wörtliches - Highlight erlebt: "Über dem Altar ist eine Leinwand angebracht.
Mit PowerPoint werden Karikaturen im Stil von Picasso darauf geworfen - dazu die wichtigsten Punkte der Predigt."
Das scheint vorerst typisch amerikanisch, doch auch hierzulande würde Stoll schnell fündig: Hier treibt die gleiche Methode sogar in der Legislative bizarre Blüten. Das
neue Uni-Lehrer-Gesetz etwa wurde - offenbar im Glauben, besonders fortschrittlich zu sein - auf PowerPoint-Folien entworfen; und so sieht es auch aus. Die
Gestaltungs-Kreativität reicht gerade noch bis zum Säulen-Diagramm. Kaum zu überbieten ist zudem die Penetranz, mit der unsere Polit- und Society-Promis, die in
EDV-Dingen oft nicht bis drei zählen können, ergebenst mit Laptops für die marktdominierende Bilder-Magazin-Gruppe posieren, weil da eben auch eine
Computer-Zeitschrift gefüllt werden muß - in der weiten Medienlandschaft eine peinliche österreichische Spezialität und Ausdruck der Verfilzung auf allen Ebenen.
Was hat Stoll solchen und anderen Auswüchsen entgegenzusetzen? Die Alternativen zu den auf High-Tech-Stelzen daherkommenden Banalitäten sind Bildung, Wissen,
Verstehen, also etwas, das sich nicht in Datenleitungen verschicken läßt, sondern erst aufkeimt, wenn es Erfahrung, Urteilsvermögen und soziale Einfühlung gibt. Man wird
auch vergeblich eine Web-Site suchen, die dies zum Download anbietet; ein Lernen in diesem Sinn braucht Authentizität, Natur und direkten Kontakt mit Menschen.
Die konsequente Umsetzung seiner Vorstellungen im eigenen Leben bringt Stoll einen originellen Lebensstil. Selbstverständlich läßt er sich nicht von E-Mails terrorisieren.
"Sie werden von einem Automaten abgewehrt: ,Hi there; it may be a month or more before I answer your message.' Für wirklich wichtige Nachrichten wird empfohlen, eine
Postkarte zu schicken." Eine kurze Nachschau zeigt zudem, daß sich Stoll auch nicht übermäßig mit der Pflege seiner Homepage beschäftigt.
Statt dessen widmet er sich der Höhlenforschung und genießt, daß ihn dabei kein Handy-Läuten stören kann. Eine spezielle Lustbarkeit bereitet es ihm anscheinend,
seine ausrangierten Computer in Katzenklos und Aquarien umzubauen: Auf dem Cover prangt ein alter Apple Macintosh, der nun einem Goldfisch zur neuen Heimstatt
wurde. Zwischen den Buchdeckeln setzt Stoll auf laute, schrille Töne: "Wollen wir ein Volk von Idioten? Man müßte dazu nur die Lehrpläne technologisch ausrichten und
den Unterricht mit Videos, Computern und Multimedia-Produkten gestalten." Oder auch: "So wie das Multimedia-Business aus Schreibern Schreiberlinge macht, zwingen die Produkte die Benutzer dazu, herumzuspielen, statt nach dem Sinn eines
Textes zu suchen." Und letztlich: "Ein Internet-Anschluß ist die beste Garantie, zum Trottel zu werden." Das sitzt! Aber wer so grob klotzt, haut auch oft daneben.
So ist denn in Stolls Lamento vieles richtig und vieles falsch. Das Falsche beginnt bei einfachen Fakten: Der angebliche "Professor Turkel" heißt in Wirklichkeit Turkle und
ist eine in der "Szene" wohlbekannte Frau und MIT-Professorin. So etwas wirft kein gutes Licht auf die Recherche-Sorgfalt insgesamt - oder zumindest die Qualität der
Übersetzung. Es bleibt zu hoffen, daß die vielen anderen "Zeugen" besser identifiziert und überhaupt richtig zitiert werden. Völlig daneben steht Stoll auch, wenn er
Programmierer gegen Automechaniker antreten läßt, um zu beweisen, daß der Markt die Berufe fern-ab der Elektronik besser honoriert: Kaum ein Auto fährt mehr ohne
Chip! Ähnlich fragwürdig sind seine Einschätzungen zu elektronischen Texten, zur Bedeutung des Internet für Bibliotheken und zum Bedarf an Programm-Optimierungen.
Andererseits trifft Stoll im Rundumschlag schon auch oft den Kern einer Sache. Sei es mit verblüffend erhellenden Aufforderungen: "Zeigen Sie mir ein Programm, das zum
ruhigen Nachdenken anregt!" oder mit unbequemen Fragen: "Ich frage mich, wie ein Lehrer unter dem Motto ,Lernen mit Spaß' die Shoah oder die Sklaverei in Amerika
behandeln will." Ganz richtig erkennt er den Zeit-Diebstahl durch die elektronischen Medien (der übrigens gerade in Wien mit der Ausstellung
"stealing eyeballs" thematisiert wird): Unsere Lebenszeit "rinnt förmlich in den Cyberspace, wenn wir Links oder Querverweisen nachgehen".
Um für aufgezeigte Mißstände Abhilfe zu schaffen, werden überdies konkrete Tips gegeben: "Wollen Sie mit Ihrem nächsten Vortrag Furore machen? Dann schauen Sie,
daß Sie den Stoff so gut beherrschen, daß Sie frei sprechen können - ohne Computer, ohne Leuchtzeiger, ohne Videoprojektor. Zeigen Sie Ihre Brillanz und überzeugen
Sie mit Ihrer Leidenschaft."
Diesen Enthusiasmus hat Stoll auch selbst; der Band ist flott geschrieben, beinhaltet viele tragikomische Beispiele und läßt sich mit seinen 23 Essays gut lesen. Für
einen lockereren Umgang mit Computern mag Stolls Vergleich mit der Fahrschule hilfreich sein: Fast alle sind wir im Alltag auf das Auto angewiesen, "trotzdem gehört der
Fahrunterricht nicht zu den Höhepunkten in unserem Lebenslauf".
Um einigermaßen auf das Berufsleben vorbereitet zu sein, sollte jemand "mit einem Textprogramm arbeiten können, Tabellenkalkulationen beherrschen, sich mit
Datenbanken auskennen, mit E-Mails umgehen können und wissen, wie man im Internet surft". Das kann ebenso rasch erledigt werden wie die Fahrschule, für
Spezialkenntnisse sorgt bei Bedarf die Praxis.
Damit haben Computer natürlich schon etwas in Schulen zu suchen, jedoch nicht als Wunderwuzzis, sondern als ganz gute Werkzeuge für spezifische Aufgaben und als
Objekte unserer Welt. So wie Tafeln und Schultaschen, wie Bücher und Reagenzgläser - oder wie die ausgestopfte Haselmaus im Biologie-Kabinett.
Clifford Stoll, LogOut: Warum Computer nichts im Klassenzimmer zu suchen haben und andere High-Tech-Ketzereien, Aus dem Amerikanischen von Carl Freytag, 252 S.,
brosch., S
218, Euro 15,84 (S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main)