Was ist Informatik?

Zusammenstellung: Volker Claus (Gesellschaft für Informatik)

Die Geburt einer Wissenschaft fasziniert vor allem diejenigen, die nicht dabei gewesen sind. Man denke hier an den Beginn der modernen Physik, der organischen Chemie oder der Biologie. Ähnlich verhält es sich mit der erst 50jährigen Wissenschaft, die in Europa als „Informatik" bezeichnet wird; in den USA wird ein Teil der Wissenschaft als „Computer Science" bezeichnet, ein anderer, mehr anwendungsorientierter Teil als „Informations Systems". Diese Informatik dringt in einen Bereich vor, der bisher ausschließlich geistiger Arbeit vorbehalten war, nämlich der Verarbeitung, Speicherung und Übertragung von Informationen. Einige sehen hierin nun die Entwicklung und den Einsatz hochtechnisierter Werkzeuge. Andere träumen dagegen von paradiesischen Zuständen. Was ist wahr daran?

Zwischen 1940 und 1950 erkannten einige Pioniere (Alan Turing, Konrad Zuse, John von Neumann u.a.), daß die Forschungen nicht nur in eine neue Dimension von Werkzeugen münden werden, sondern daß sich nun prinzipiell alle Arbeitsprozesse durch Maschinen ausführen lassen, denen auch in letzter Konsequenz ihre eigene Konstruktion, Erstellung und Verbesserung übertragen werden könne.

Ebenso, wie die Naturwissenschaften das Bild relativiert haben, das sich Menschen in physischer Hinsicht von sich selber machten, so schickt sich die neuen Wissenschaft Informatik an, die Vorstellung von der Exklusivität der Menschen im Hinblick auf die Informationsverarbeitung und somit auch auf die zielgerichtete Steuerung von Vorgängen aller Art zu korrigieren. Doch ebenso wie viele physikalische Erkenntnisse fast ohne Wirkung auf das konkrete Verhalten der Menschen bleiben, so bleibt auch diese revolutionär erscheinende Einsicht der Informatik bisher auf philosophische Diskussionen beschränkt. Denn der Alltag sieht anders aus. Er wird durch Werkzeuge bestimmt.

Die Informatik hat sich rasch dem Entwurf und der Erstellung informationsverarbeitender Systeme zugewandt. Hierzu mußten grundlegende Ergebnisse und Kalküle hergeleitet, Rechnersysteme konstruiert und gebaut, neue Prinzipien über Daten, Algorithmen, Prozesse, Programmierung und Systeme erarbeitet sowie Programme für die jeweiligen Anwendungen entwickelt und zugeschnitten werden. Diese grobe Einteilung in „Theoretische Informatik", „Praktische Informatik" und „Angewandte Informatik" entstand schon relativ früh und dient damit immer noch als Richtschnur.

Informatik befaßt sich intensiv mit Information. Das aber tut jede Wissenschaft; daher verwundert es nicht, daß sich die abstrakten Konzepte der Informatik und ihre Methoden überall anwenden lassen. Entstehen hierbei neue Verfahren und Einsichten oder ist die Zusammenarbeit besonders eng, so bilden sich zwischen der Informatik und den anderen Wissenschaften Überlappungsbereiche heraus, die zu eigenen Ausbildungszweigen und Wissensgebieten herangereift sind, wie zum Beispiel die Wirtschaftsinformatik, die Bauinformatik, die Rechtsinformatik usw.

Viele Menschen, die auf dem Informationssektor tätig sind, kommen auch ohne tiefere Informatikkenntnisse aus. Man kann ihre Arbeitsbereiche aufteilen in

  • elektronische Datenverarbeitung" (EDV oder DV), wenn sie im Systembetrieb oder in der Programmierung tätig sind
  • Informatik und Kommunikation" (IuK), wenn sie überwiegend betriebswirtschaftliche, organisatorische und kommunikative Aufgaben erfüllen.

Sind daneben umfangreiche technische (und vor allem elektrotechnische) Kenntnisse erforderlich, so spricht man oft von der „Informationstechnik" (IT).

Was ist dann Informatik?

Nach dem „Großen Wörterbuch der deutschen Sprache" die „Wissenschaft von den elektronischen Datenverarbeitungsanlagen und den Grundlagen ihrer Anwendung". So hat es auch irgendwann einmal angefangen. Um allerdings Informatik heute zu erklären, muß man weiter ausholen. Es gibt viele Definitionsansätze:

  • Erstens kann man eine kurze Beschreibung wählen, etwa: „Informatik ist eine Ingenieurwissenschaft, die sich mit der systematischen und automatischen Verarbeitung, Speicherung und Übertragung von Informationen aus Sicht der Hardware, der Software, der Grundlagen und der Auswirkungen befaßt".

  • Zweitens kann man auflisten, welche Fachgebiete zur Informatik zählen, z.B.:
    • Theoretische Informatik Komplexitätstheorie, Formale Sprachen, Semantik, Schaltwerktheorie usw.;
    • Praktische Informatik Softwaretechnik, Systemarchitektur, Informationssysteme, Programmiersprachen, Wissensbasierte Systeme, Parallelverarbeitung, Verteilte Systeme, Simulation usw.;
    • Technische Informatik Schaltungen, Höchstintegration, Rechnerarchitektur, Vernetzte Systeme usw.;
    • Angewandte Informatik Systemanalyse, CAD/CAM, Dialogsysteme, Lehr- und Lernsysteme, Integrierte Systeme usw.;
    • Künstliche Intelligenz Automatisches Beweisen, Expertensysteme, sprachliche und visuelle Kommunikation, Robotik usw.;
    • Didaktik der Informatik
    • Wirtschaftsinformatik  

  • Drittens kann man Berufsfelder und Einsatzbereiche benennen, wobei die besondere Befähigung von Informatikerinnen und Informatikern in der Analyse, Konzipierung und Konfiguration von Hard- und Softwaresystemen und deren Einbettung in bestehende Umgebungen, in der Planung und Organisation, in der Anpassung von System- und Anwendungssoftware, im Erschließen neuer Einsatzgebiete und in der Schulung liegt.

  • Viertens kann man typische Arbeitsweisen (z.B. Teamfähigkeit, abstrakte Denkweisen), Prinzipien (z.B. Objektorientierung, Parallelverarbeitung) und Methoden (z.B. Verifikationsmethoden) auflisten.

  • Fünftens kann man die Bedeutung und die Auswirkungen der Informatik für verschiedene Wissensgebiete herausarbeiten (z.B. den stabilisierenden Effekt, den große Softwaresysteme auf Industrie, Verwaltung und Gesellschaft ausüben), oder man kann die allgemeinbildenden Teile der Informatik (z.B. Algorithmisierung, Informations- und Sprachstrukturen) beschreiben. Und so weiter und so fort, ...

Aus all diesem entsteht schließlich das Bild der Informatik - einer facettenreichen Struktur- und Methodenwissenschaft mit endlos erscheinenden Anwendungsmöglichkeiten. Jede Fixierung ihrer Inhalte könnte sich in überschaubarer Zeit als veraltet oder als zu eng erweisen